Kategorie: Stories (Seite 1 von 3)

Der nette Nachbar

Es ist so langweilig nach der Schule. Er nimmt seinen Ball und bolzt ihn gegen die Wand an den Garagen des Hochhauses. Die Kinder hier sind alle schon älter. Sie wollen nicht mit ihm spielen. Die Eltern sind noch auf der Arbeit. Die meisten Nachbarn regen sich immer fürchterlich auf, wenn er hier spielt. Wegen des Lärms, sagen sie. Einen Spielplatz gibt es hier nicht. Was soll er denn sonst machen? 

Vielleicht kommt ja heute wieder der einzig nette Nachbar zu mir. Er hat ein Moped und nimmt mich manchmal mit. Er hört mir zu und er mag mich, glaube ich. Meine Schulkameraden sind mir meistens zu albern. Mit ihm kann ich ganz gut reden, so, wie ich mir einen Freund vorstelle, obwohl er reichlich älter ist. Er ist fast so alt, wie meine Eltern. Egal, es gibt also auch nette Erwachsene. 

 
„Hallo Stefan, ich will mal wieder eine kleine Tour machen. Willst du mit?“
Freudig begrüßte ich ihn. „Hallo Mark, ja klar, gerne“
Es war ein strahlender, warmer Herbsttag. Er gab mir einen Helm und schon gings los. Wir fuhren raus aus der grauen Stadt. Ein tolles Gefühl, so schnell auf der Landstraße zu fahren. Die Bäume rasten an mir vorbei. Sie dufteten so schön, ganz anders, als dieser Gestank in der Stadt. Ich fühlte mich sehr erwachsen. Ich bin nicht sicher, ob meine Eltern mir das erlaubt hätten. Aber sie müssen ja nicht alles wissen. Im Nachbarort spendierte er mir ein Eis. Vanille mit Schokoladensoße. Ich wollte gar nicht mehr nach Hause, aber Mark meinte, nun sollten wir zurückfahren. Die Rückfahrt machte mich etwas traurig. Zuhause bin ich wieder alleine. Dort ist es langweilig.
„Willst Du mit zu mir kommen, oder musst Du nachhause?“ „Ich habe noch Zeit, meine Eltern kommen erst in zwei Stunden nachhause“, sagte ich. „Na dann können wir ja noch etwas Musik bei mir hören“, meinte Mark. 
„Zieh doch deine Jacke aus, Junge. Machs dir gemütlich“, meinte er. In seiner kleinen Wohnung gab es kein Wohnzimmer. Er bot mir einen Platz auf seinem Bett an. Er hatte eine riesige Plattensammlung. Zu jeder Platte erzählte er mir eine Geschichte. Ich war begeistert. Er saß dicht neben mir und legte seinen Arm um mich.

 
„Was ist denn mit dir? Du bist so still heute.Du ißt ja gar nicht. Schmeckt es dir nicht?“ fragte meine Mutter besorgt, als wir beim Abendessen saßen. Ich schüttelte stumm den Kopf und kämpfte mit den Tränen. „Was hast du denn heute so getrieben?“ „Nichts“, antwortete ich kurz und ging in mein Zimmer. Vor Schmerz und Scham würde ich am liebsten sterben.
Copyrights Sabine Adameit

 
 
 

 

Koma

schlaflos

Koma

Er kommt auf mich zu
Mit wutverzerrter Grimasse
Schlägt er mir ins Gesicht
Sturz auf den Stein
Mit dem Hinterkopf
Die Welt verschwindet
Ich kann mich nicht bewegen
Menschen um mich
Ich höre sie
Wie aus einer anderen Welt
Dann wird es dunkel
Es gibt mich nicht mehr
Schwarz, alles ist schwarz
Kein Gefühl, keine Wahrnehmung
Keine Regung, ich habe sie verlassen
Die Welt, das Irdische
Stunden ohne Bewusstsein
Im Irgendwo, im absoluten Nichts.

Erwachen in eine neue Welt
Nichts ist mehr, wie es war.
Copyrights Sabine Adameit

 

Ordnung schaffen

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Vino Rosso

Es war wieder einmal einer der Abende, an denen unser Freund Piet, gemeinsam mit dem Besten aller Ehemänner und dem süßesten Zottelhund, unserem Choppi, die Probleme der Welt erörterten. Der Rotwein stand atmend auf dem Tisch, die Gläser wurden erhoben und schon konnte es losgehen. Alltagsprobleme wurden kurz angesprochen. Welche Sense ist die Beste, Probleme mit dem Aufsitzrasenmäher wurden geschildert. Von dem fetten Marschboden hier in unserer Gegend, kam man schnell auf die Umweltprobleme zu sprechen. Landwirte, die das Grundwasser verschmutzen führten zu weiteren grundsätzlichen Problemen, wie Lebensmittelverseuchung, Milchpreisen, der „Bio“lüge (wo Bio draufsteht, ist noch lange nicht Bio drin) und ähnlichem. Nach dem dritten Glas Wein war man sich einig, dass das alles so nicht weitergehen kann.

Gerade wurde geheut, das heißt, einige Kitze mussten ihr Leben lassen, nur weil der Landwirt keine Zeit hat, seine Weiden vorher zu überprüfen. Schön findet er es ja auch nicht, aber so ist das nun mal, wenn der Profit vor Menschlichkeit geht. Wenn es nur noch um Geld und nicht um Leben geht. Abgehakt, so ist es nunmal.
Piet schenkt nochmal ein und berichtet stolz von seiner letzten Jagd. Auch da musste wieder ein junger Bock dran glauben. Choppi schaut Piet kritisch an, aber die frische Rehkeule, die ihn bald erwartet, besänftigt ihn. So ist nun mal das Leben. Jagen und gejagt werden. Tiere können davon eine Elegie singen. Menschen bekommen davon Frust, traumatische Erlebnisse, zumindest Depressionen oder pflegen unangebrachten Jagdstolz, wenn sie hinterrücks auf ein Tier schießen. Bei Menschen nennt sich diese Art von Jagd Mobbing. Tiere kostet sie das Leben. Und schon sind wir bei der zweiten Flasche.

Nun wird Piets Gesicht noch ernster. Was ist nur mit den Menschen los. Haben sie denn alles vergessen? Mittlerweile würden abseits vom Mobben auch wieder unverhohlen deutlichere Akzente gesetzt, stellt er fest. Zum Beispiel, wenn es um F!üchtlinge und Asylanten geht. Wurde vor noch nicht langer Zeit unter vorgehaltener Hand am Stammtisch über Menschen hergezogen, die zugezogen waren, wird nun lauthals proklamiert, dass alles Elend von diesen Fremden kommt. Piet schildert meinem Besten aller Ehemänner detailliert, was die Einheimischen von dieser neuen Flut fremder Kulturen halten. Es macht ihm Angst. Er erinnert sich an frühere Zeiten. Damals waren es die Juden, die den Sündenbock abgeben mussten. Heute sind es ganz undifferenziert einfach alle, die nicht in Deutschland geboren wurden. Alle denen es schlechter geht, als uns, die wir in einem reichen, demokratischen, freien und vielleicht schon zu lange, friedlichen Land geboren wurden. All das können uns diese Fremden, diese Flüchtlinge ja nehmen, heißt es am Stammtisch. Piet schüttelt traurig mit dem Kopf und schenkt gedankenverloren noch einen ein. Der Beste aller Ehemänner wird immer stiller, er verträgt lange nicht so viel, wie Piet. Der ist ja im Training. Aber, da Piet auch gerne schnackt, ist er dafür gar nicht so undankbar. Er kann auch sehr gut alleine sinnieren. Der Beste aller Ehemänner nickt dankbar mit dem Kopf und ist froh, dass seine Meinung, die er nicht mehr so wirklich artikulieren kann, nicht unbedingt verbal gefragt ist.

Von den Umwelt- und Flüchtlingsproblemen geht es übergangslos zurück zur Landwirtschaft und nochmal der Milchquote. So kann das aber wirklich nicht weitergehen. Das Angebot steigt, die Preise sinken. Piet hat Recht, wenn er klarstellt, dass die Bauern von den staatlichen Almosen nicht leben können. Gut, haben wir das auch erledigt. Darauf trinken wir noch einen. Mittlerweile hat Choppi den Papierkorb gründlich geleert, den Kühen mal ordentlich Bescheid gegeben und Piets Dackel, der, wie zur Bestätigung immer mal wieder vor sich hin kläffte, richtig den Marsch geblasen. Wieder sind wir einen Schritt weiter, die Welt zu ordnen. Was wären wir bloß ohne Piet, den Besten aller Ehemänner und natürlich Choppi, der für Ordnung im Haushalt sorgt.
©S. Adameit

 

Das Boot

Help!

Help!

„Allah sei Dank, wir haben es geschafft!“ Schweißüberströmt blickt er in die ängstlichen Augen seiner Frau. Die Kinder schmiegen sich zitternd an sie. Das Baby wimmert zum Herzerbarmen. Es hat Hunger, wie immer. Das Boot schaukelt bedrohlich, 250 Menschen teilen es sich. Wellen schwappen hinein. Die Hitze ist unerträglich. Nicht mehr lange dann ist alles gut. Keine Todesangst mehr, keine Verfolgung. Die Hoffnung gibt ihm Kraft, seine Familie zu trösten: „Wir werden ein Heim haben. Keine Menschen, keine Bomben mehr, die uns bedrohen.“ Traurig denkt er zurück an die schrecklichen Erlebnisse. Drei seiner Kinder haben es nicht geschafft. Die Bande hatte sie verschleppt. Er musste es hilflos mitansehen.

Sturm zieht auf. Das Boot stößt in die Wellen. Bis zu den Knien geht das Wasser nun schon. Arm in Arm hält sich die Familie, sie beten. Jeder für sich. Die Wogen peitschen ihnen ins Gesicht. Schützend beugt sich die Mutter über ihr Baby. Leise summt sie ein Lied, um es zu beruhigen. Es ist stockdunkel geworden. Nur die Blitze erhellen den Himmel beängstigend. Noch immer ist kein Land in Sicht.

Die Furcht steigt ihm in die Kehle. Wie lange wird uns das Boot noch tragen? Unruhe breitet sich aus. Bloß jetzt nicht panisch werden. Es wird alles gut. Allah ist mit uns. Er hat es möglich gemacht, dass wir fliehen konnten. Er wird uns beschützen.

Ein unbeschreiblicher Knall reißt ihn aus seinen Gedanken. Das Boot macht einen unglaublichen Satz, hebt ab, dreht sich in der Luft und kentert. Als er wieder auftaucht, hört er von weitem lautes Wimmern und Schreien. „Sira“, brüllt er in die Finsternis, „Shari, Jalia wo seid ihr?“ Verzweifelt kämpft er gegen die Strömung an, um zu den Stimmen zu gelangen. Seine Kräfte lassen nach, die Brecher sind zu stark. Allah beschütze meine Familie, waren seine letzten Gedanken.

© Sabine Adameit

 

Trauma Budapest

Diese Enge ist einfach unerträglich. Die Luft ist zum Schneiden. Überall weinen Kinder. Verzweifelte Menschen versuchen, eine Lücke in den Absperrungen zu finden. Es geht einfach nicht weiter. Seit Tagen sitzen sie zusammengepfercht hier. Für Tausende von Menschen gibt es gerade mal vier Toiletten. Duschen, sanitäre Anlagen sind nicht vorhanden. Nichts haben diese Menschen. Sie haben einfach nur ihr nacktes Leben gerettet. Sie sind froh, dass sie keine Angst mehr haben müssen, erschossen zu werden. Obwohl, wenn man die Sicherheitskräfte, die hier rumlaufen so ansieht, dann sind sie nicht sicher, ob sie beschützt werden oder andere vor ihnen beschützt werden sollen.

Sie entkamen einer unmenschlichen Welt, nur um in die nächste zu fliehen. Sie waren so glücklich, als sie endlich in Budapest ankamen. War nun alles umsonst? Gibt es denn keinen Platz, wo sie einfach nur in Frieden leben können? Hasserfüllte Gesichter um sie herum. Brüllende Menschen, die ihnen deutlich zeigen, dass sie unerwünscht sind. Gibt es denn gar keinen Ausweg? Sie haben den Krieg nicht gewollt, sie mussten ihn nur erleiden. Wo sie auch hinkommen. Sie werden verfolgt. Brutalem Hass sind sie ausgesetzt. Erst in ihrer Heimat, nun hier. Was haben sie getan? Warum dürfen sie nicht einfach nur leben, arbeiten und ihre Kinder großziehen. Mehr wollen sie doch gar nicht. Ist das denn zuviel verlangt?

© Sabine Koss

 
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