Kategorie: Stories (Seite 2 von 3)

Der Besuch

Langsam bewegt er sich. Vorsichtig setzt er seine Schritte. Der enge Waldweg ist durchsetzt mit dicken Baumwurzeln. Doch es liegt mittlerweile in seiner Natur, auch die gut ausgebauten Wege nur ganz behutsam zu betreten. Man könnte umknicken, gar stolpern. Bei seinem ‚Glück‘ wird er sich wahrscheinlich gleich beide Beine brechen. Gedankenverloren blickt er in die Baumkronen.

Was für eine Zeit durchlebt er gerade. Am liebsten würde er keinen einzigen Schritt mehr weitergehen und einfach hier in dieser herrlichen Stille und Geborgenheit bleiben. Keine Menschen in der Nähe, mit denen er sich vergleichen muss. Das hat er sich so angewöhnt.

So selbstbewusst wirken die anderen. So bestimmt und entscheidungsfreudig, als ob es das Leichteste auf der Welt wäre. Er hat morgens schon Probleme, ob er nun ein Vollkornbrot oder ein Toast zu sich nimmt. Oder am besten lieber gar nichts, bei seinen Gewichtsproblemen. Die anderen, sie sehen so gut aus. Kaum Falten, meist schlanke Figuren in seinem Bekanntenkreis. Freunde hat er nicht. Trotz reiferen Alters wirken sie jung und dynamisch. Er fühlt sich wie ein alter Mann. Dabei ist er, wie man es so schön nennt, in den besten Jahren. Der Verstand sagt ihm schon, dass die anderen sicher auch ihre Probleme haben, doch ihm sieht man sie an, da ist er ganz sicher, ihnen überhaupt nicht.

Mit leiser Stimme summt er eine Melodie, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Seine Stimme ist eingerostet, findet er. Gibt es eigentlich noch irgendetwas, was er an sich mag? Sicher, er ist empfindsam und müht sich, anderen behilflich zu sein, ob nun im Job oder privat. Aber das ist ja auch selbstverständlich. Er macht es gerne. Das ist nicht der Erwähnung wert.

Er sieht an sich herunter. Die Kleidung hat auch schon bessere Tage gesehen. Die Sohlen der Schuhe abgelaufen, der Saum der Jeans zerschlissen.

Es werden auch wieder bessere Tage kommen. Tage, an denen er wieder aufrecht gehen kann. An denen die Sorgen seine Schultern nicht mehr herunterzwingen. So darf es nicht weitergehen. Morgen wird er sich neu einkleiden. Das soll sich auch positiv auf das Selbstbewusstsein auswirken, hat er irgendwo gelesen. Seine Bekannten werden ihn mit anderen Augen betrachten. Er malt sich aus, wie er ins Büro geht, sicheren Schrittes, hocherhobenen Hauptes. Diese Haltung, die er bei anderen so beneidet, dieser „Ich kann alles erreichen Gang“.

Allein in diesem Moment, in dem er nur daran denkt, geht es ihm schon viel besser. Er fühlt sich leichter. Ballast fällt ab. Seine Schritte werden schneller.

Er sieht sein Auto nahe der Straße stehen, dreckig ist es. Ungepflegt, genau wie er. Ein Nullachtfünfzehn Auto, genau wie er ein Nullachtfünfzehn Mann ist. Da ist es wieder, dieses Gefühl der Minderwertigkeit, Unwichtigkeit, Nutzlosigkeit. Nein, er wird es nie schaffen, so aufzutreten, wie andere. Er hat einfach nicht das Zeug dazu. Niedergeschlagen steigt er in sein Auto ein. Beim dritten Startversuch jault der Motor auf. Leise knirschen die Reifen auf dem schmalen Weg.

Zuhause angekommen, legt er eine Platte auf. Er liebt diese altmodischen Schallplatten und schenkt sich ein Glas Wein ein. Die Flasche ist auch schon wieder leer.

Das Telefon klingelt. Nein, er will jetzt nicht rangehen. Aber vielleicht ist es ja etwas Wichtiges? Eine fröhliche Frauenstimme fragt: „Wie geht es dir? Warum hast du dich denn nicht mal bei mir gemeldet? Ich hätte heute gerne den Tag mit dir verbracht.“ Mit mir?, wundert er sich. „Ich hatte viel zu tun“, murmelt er. Lügen kann er auch nicht gerade gut, sicher merkt sie es sofort. Vor zwei Wochen tranken sie in der Mittagspause einen Kaffee und gingen im Park spazieren. Es war ein wunderschönes Erlebnis für ihn.

„Darf ich bei dir vorbeikommen?“, fragt sie sanft. Tausende Gedanken stürzen auf ihn ein. Hierher, in seine verkommene Wohnung? Es ist unaufgeräumt, wie immer. Er bekommt so selten Besuch, warum soll er sie in Ordnung halten. Er denkt an seinen Spaziergang und seine guten Vorsätze. Sollte er es wagen? Was kann passieren? Sie dreht sich einfach um, wenn sie meine Wohnung sieht, ihr fällt sicher ein wichtiger Termin ein.

Eine innere Stimme rührt sich in ihm. Versuch es doch einfach mal, haucht sie. Er hört sich sagen: „Ja, warum nicht?“ und erschrickt fürchterlich. Das hat er doch nicht gesagt! „Schön, ich bin gleich bei dir“, antwortet sie. „Ich bringe eine schöne Flasche Wein mit“. Sie war noch nie bei ihm, er kennt sie kaum. Aber lange schon beobachtet er sie. Ihren leichten Gang, ihr fröhliche, unbeschwerte Art. Sie sieht sehr attraktiv aus. Er hätte nie gewagt, sich mit ihr zu verabreden. Seine Telefonnummer gab er ihr, weil es vor einiger Zeit Probleme im Büro gab. Dass sie ihn auch privat anrufen würde, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Er legt den Hörer auf und in Windeseile begann er, wenigstens das Wohnzimmer halbwegs freizuschaufeln. Er zittert am ganzen Körper, stellt sich vor, dass sie gleich vor ihm steht. Bevor er sich Gedanken darüber machen kann, klingelt es. „Da bin ich“, sagt sie und lächelt ihn strahlend an. „Schön“, mehr kommt ihm nicht über die Lippen. Sie geht ins Wohnzimmer, fragt: „Wo ist der Öffner?“ Sie ist so unkompliziert. Merkwürdigerweise fühlt er sich plötzlich sehr wohl. Sie scherzt und erzählt von einem Missgeschick, das sie heute erlebt hatte.

Seine Unsicherheit verfliegt. Er scherzt mit ihr. Er findet die richtigen Worte. Ihm kommt es so vor, als ob er plötzlich gewachsen sei. Verschwunden diese kleinlaute Haltung, verschwunden die Unsicherheit. Als ob er ein ganz anderer Mensch ist.

Wie zufällig berührt er sie, während er mit ihr redet. Liebevoll lächelt er sie an. Sie prosten sich zu und sehen sich in die Augen. Mag sie ihn etwa?

Ihre dunklen Augen sehen ihn klar und offen an. Schweigen. Aber es ist ein angenehmes Schweigen, wie eine Art Zustimmung. Keinen Moment fühlt er sich unwohl, seit sie bei ihm ist. „Ich freue mich, bei dir zu sein. Es ist gemütlich hier bei dir“. Gerade will er widersprechen, da legt sie ihre Hand auf seine. „Das habe ich mir so lange gewünscht. Ich habe heute meinen ganzen Mut zusammennehmen müssen, um dich anzurufen“, gesteht sie ihm. Das macht ihn nun vollends sprachlos. Sie und Mut zusammennehmen? Diese selbstbewusste Frau? „Ich mag dich nämlich sehr“. Er blickt sie forschend an. Sie meint, was sie sagt. Sie meint es wirklich ehrlich. Zärtlich lehnt sie sich an ihn. „Ich mag dich auch sehr“, stammelt er unbeholfen und legt seinen Arm um ihre Schultern.

„Guten Morgen allerseits“, tönt er in das Großraumbüro. „Ein herrlicher Tag heute, nicht wahr?“ Beschwingten Schrittes holt er sich einen Kaffee, geht an seinen Schreibtisch und lächelt glücklich.

© Sabine Koss

 

Es wird Zeit…

Die langen Tage und Nächte voller Angst tragen ihre Spuren. Kein Tag vergeht, an dem sie sich nicht beobachtet fühlt. Schon beim Aufstehen morgens hat sie so ein ungutes Gefühl, als ob gerade noch jemand an ihrem Bett stand. Sie geht zur Tür und überprüft die Schlösser – alles verriegelt. Auch die Terrassentür ist verschlossen. Auf dem Weg zum Bäcker, wieder dieses Gefühl. Irgendjemand schleicht doch hinter ihr her. Oder ist sie nicht mehr ganz klar im Kopf? Droht sie verrückt zu werden? Sie ist zu viel alleine. Da kann man schon komisch werden. Auch beim Joggen: hier ein Geräusch, dort eine nicht greifbare Gestalt. Sie verschwindet, sobald sie sich umdreht. Zuhause angekommen setzt sie sich an den Schreibtisch. Ihr Anrufbeantworter blinkt. Komisch, er stand doch sonst immer links vom Schreibtisch. Sie hört ihn ab – sie hört ein leises Atmen. In ihrem großen Garten, schon wieder diese Gestalt. Sie kann nicht erkennen, ob es ein Mensch oder nur eine Vision ist. Auf dem Rasen liegt ein großer Strauß weißer Lilien… Also doch ein Mensch. Sie sollte sich eigentlich einen Hund anschaffen. Aber sie hat eine Hundeallergie. Vorsichtig betritt sie den Garten, ihre Blicke schweifen. Alles ist ruhig. Sie sollte zur Polizei gehen, aber die halten sie sicher für verrückt. Das Telefon klingelt, soll sie abnehmen? Die Neugier überwiegt. Wieder nur ein Atmen… Ihre Stimme versagt, sie kann nicht einmal „Hallo, wer ist denn da?“ sagen.Mit zittrigen Händen zündet sie sich eine Zigarette an. Sicher hat sich nur jemand verwählt. Nur nicht hysterisch werden. Sie geht in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Die Pads, wo sind denn die Pads? Eigentlich steht bei ihr immer alles an seinem Platz, sie ist sehr ordentlich. Sie findet sie im hintersten Küchenschrank. Das kann nicht sein, niemals hätte sie sie dort hingestellt. Ich muss mich beruhigen, denkt sie. Am besten nimmt sie nun doch lieber eine Tablette. Sie stehen immer im Badezimmerschrank. Standen… Sie sucht das ganze Bad ab – nichts. Sie sieht in den Mülleimer, da liegt die Schachtel, halbvoll.Sie ist verzweifelt. Sie hat keinen, den sie anrufen kann, keinen, mit dem sie reden könnte. Sie holt ihren alten Füllfederhalter und beginnt, ihre Geschichte aufzuschreiben. Aber sie kommt nicht weit. In der Dämmerung sieht sie im Garten einen Lichtschein. Wieder überprüft sie alle Schlösser. Als sie sich umdreht, schließt sich langsam die Tür zum Wohnzimmer. Sie wird panisch. Sie nimmt das Telefon und wählt die 110. Eine nüchterne Stimme meldet sich. Kein Ton kommt über ihre Lippen. Sie legt auf. Sie holt sich ein Messer aus der Küche und betritt langsam das Wohnzimmer. „Da bist du ja, mein Schatz“. Sie zuckt zusammen. Zittert am ganzen Körper. „Du hast mich lange warten lassen“. Sie ist starr vor Schreck. Hinter ihr nähert sich die Stimme. „Es wird Zeit“. Ein Tuch legt sich sanft um ihren Hals. Sie ist unfähig, sich zu wehren. Eine Traube von Nachbarn steht vor ihrem Haus. Sie lebte so zurückgezogen, hieß es. Wir kannten sie eigentlich gar nicht. Sie grüßte zwar immer freundlich, aber Gespräche gab es nie. Ist es nicht schrecklich? Und sie war noch so jung…

© Sabine Koss

 

Kurzkrimi

Der letzte Laut

Tiefes Dunkel. Auf Zehenspitzen schleicht sie an der Wand entlang. Der schwarze Schatten kommt immer näher. Sie hält den Atem an. Verzweiflung, kein Mensch ist zu sehen, in der dunklen Gasse. Vor Angst bricht sie zusammen. Sie hört ein metallenes Geräusch. Sie weiß, es ist der letzte Laut, den sie in ihrem Leben hören sollte.

© Sabine Adameit

 

Die letzte Station

 

Es ist Nacht. Die Stadt schläft. Nur die Lichter am Bahnhof lassen noch Leben erahnen.

Er sitzt in seiner Wohnung, neben sich eine Flasche Whisky. Er leert das letzte Glas. Er trinkt alleine. Er hat keine wirklichen Freunde. Klar, wenn man in der Gruppe ist, macht er mit, lacht und albert mit, aber er fühlt sich alleine. Bea hat mit ihm Schluss gemacht. Hobi ist ja auch viel interessanter. Der hat zu allem den richtigen Spruch drauf. Immer gut drauf und immer der Anführer, wenn es um Blödsinn machen geht. Er beneidet solche Menschen. Wie machen die das bloß? Warum kann er nicht so sein? Gute Sprüche fallen ihm immer erst viel später ein, wenn er alleine auf seiner Bude ist. Dass Bea überhaupt mit ihm zusammen war, hatte ihn sehr gewundert. An ihm ist doch nichts dran. Er sieht nicht gut aus, er ist nicht lustig und besondere Fähigkeiten hat er auch nicht. Er ist eben ein Langweiler. Ja, er schreibt seine heimlichen Gedanken auf, aber die hat er ihr noch nie preisgegeben. Wer will das schon hören? Traurige Gedanken, hoffnungslose Gedanken.

Er steht auf, leicht torkelnd nimmt er die Jacke vom Haken. Er muss hier raus, die Decke fällt ihm auf den Kopf. Er muss keine Rücksicht nehmen, seine Eltern kriegen sowieso nicht mit, wenn er mitten in der Nacht geht. Reden kann er schon lange nicht mehr mit ihnen. Sie fragen und fragen, wo soll er die ganzen Antworten hernehmen. Warum gibst du dir nicht mehr Mühe? Sie geben ungefragte Ratschläge. Wenn du mal Hausaufgaben machen würdest, hättest du auch bessere Zensuren! Immer dieselbe Leier. Es ist alles nur noch trostlos. Wozu soll er sich denn Mühe geben? Für wen? Für was? Bringt doch eh nichts.

Die Tür fällt ins Schloss. Ein rauher Wind weht, aber es ist nicht wirklich kalt. Ziellos setzt er einen Schritt vor den anderen. Ist doch egal wohin. Hauptsache weg. Am Bahnhofskiosk holt er sich noch eine Wodkaflasche. Mit gesenktem Kopf schwankt er über die Straße, kein Auto weit und breit zu sehen. Die Stadt ist menschenleer. Spärliche Lichter im Park, er setzt sich auf eine Bank. Nur das laute Pfeifen der Züge ist zu hören. Das monotone Rattern auf den Gleisen. Langsam erhebt er sich. Mechanisch zieht es ihn zu den Geräuschen. Er nimmt noch einen großen Schluck. Das Pfeifen kommt näher. Er fühlt den rauhen Wind nicht mehr. Er fühlt gar nichts mehr.

Die Bremsen quietschen laut, die Räder sprühen Funken. Keine Chance – der Bremsweg ist zu lang. Der Lokführer sieht von weitem etwas auf den Schienen. Im Zeitlupentempo kommt es näher. Verzweifelt versucht er den Zug zum Stehen zu bekommen. Nein, es ist kein Tier, es war ein Mensch…

© Sabine Koss

 

Lebenskarussell

Schienen ins Unbekannte

In der vergangenen Zeit haben Bahnhöfe mein Leben bestimmt. Durch unseren Antiquitätenhandel waren wir sehr viel unterwegs. Anfangs habe ich meinen Mann zu Händlern, Messen und Museen gefahren, in den ersten Jahren fast immer. Später nahm er immer öfter die Bahn. Ich war immer auf Abruf. „Holst du mich mal vom Bahnhof in Heidelberg ab“? Ich glaube, es gibt kaum einen Bahnhof, den ich nicht kenne. Allerdings ist das schon über zehn Jahre her. Sicher hat sich viel verändert. Je moderner die Bahnhöfe, desto ähnlicher sahen sie sich, genau wie die Einkaufspassagen in vielen Städten. Schade, dass so wenig Rücksicht auf das ganz eigene Flair jeder Stadt genommen wurde. Wahrscheinlich hatte da ein Architekt in der ganzen Bundesrepublik zugeschlagen.

Bahnhof war für mich immer der Inbegriff einer Mischung von Hektik und endlosem Warten. Entweder stand ich gerade im Stau und versuchte verzweifelt noch den Zug zu erreichen, oder der Zug hatte Verspätung und ich musste mich in dieser kalten anonymen Atmosphäre aufhalten, die ich so gar nicht mag. Dann nutzte ich die Zeit, die Menschen zu beobachten.

Eine aufregende Mixtur von verkniffenen Gesichtern, dauernd auf die Uhr guckend, jenen, die genervt auf die Zeittafeln schauten. Andere, die sich einfach nur gelangweilt und ziellos die Zeit vertrieben. Menschen, die den Bahnhof als Treffpunkt mit Gleichgesinnten als Wärmestation nutzten, Drogis, die einen Euro für ihren Stoff sammelten und jeden Reisenden anbaggerten. Nicht zu vergessen, der Sicherheitsdienst und Polizei, die versuchten, genau diese vom Bahnhof fernzuhalten. Ausnahmezustand bei Fußballveranstaltungen, Reisende werden vor den betrunkenen Massen geschützt, so gut es geht.

Eine eigene Welt für sich, so ein Bahnhof. Auf kleinem Raum ein Sammelsurium von Menschen verschiedenster Couleur. Jeder mit seinem eigenem Ziel, seinem eigenen Weg. Jeder auf seiner eigenen Schiene. Sie führte ihn ins Unbekannte, ins Vertraute oder zu sich zurück.

Bahnhof – der Inbegriff des Abschieds und der Wiedersehensfreude, verschiedenster Emotionen. Ein Ort, an dem Freude und Leid so nah nebeneinander hergingen. Armut und Reichtum intensiv miteinander konfrontiert. Der Bahnhof war und ist für mich eine Konzentration des Lebenskarussells.

© Sabine Koss

 
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