Autor: Sabine Adameit (Seite 118 von 156)

Das Boot

Help!

Help

„Allah sei Dank, wir haben es geschafft!“ Schweißüberströmt blickt er in die ängstlichen Augen seiner Frau. Die Kinder schmiegen sich zitternd an sie. Das Baby wimmert zum Herzerbarmen. Es hat Hunger, wie immer. Das Boot schaukelt bedrohlich, 250 Menschen teilen es sich. Wellen schwappen hinein. Die Hitze ist unerträglich. Nicht mehr lange dann ist alles gut. Keine Todesangst mehr, keine Verfolgung. Die Hoffnung gibt ihm Kraft, seine Familie zu trösten: „Wir werden ein Heim haben. Keine Menschen, keine Bomben mehr, die uns bedrohen.“ Traurig denkt er zurück an die schrecklichen Erlebnisse. Drei seiner Kinder haben es nicht geschafft. Die Bande hatte sie verschleppt. Er musste es hilflos mitansehen.

Sturm zieht auf. Das Boot stößt in die Wellen. Bis zu den Knien geht das Wasser nun schon. Arm in Arm hält sich die Familie, sie beten. Jeder für sich. Die Wogen peitschen ihnen ins Gesicht. Schützend beugt sich die Mutter über ihr Baby. Leise summt sie ein Lied, um es zu beruhigen. Es ist stockdunkel geworden. Nur die Blitze erhellen den Himmel beängstigend. Noch immer ist kein Land in Sicht.

Die Furcht steigt ihm in die Kehle. Wie lange wird uns das Boot noch tragen? Unruhe breitet sich aus. Bloß jetzt nicht panisch werden. Es wird alles gut. Allah ist mit uns. Er hat es möglich gemacht, dass wir fliehen konnten. Er wird uns beschützen.

Ein unbeschreiblicher Knall reißt ihn aus seinen Gedanken. Das Boot macht einen unglaublichen Satz, hebt ab, dreht sich in der Luft und kentert. Als er wieder auftaucht, hört er von weitem lautes Wimmern und Schreien. „Sira“, brüllt er in die Finsternis, „Shari, Jalia wo seid ihr?“ Verzweifelt kämpft er gegen die Strömung an, um zu den Stimmen zu gelangen. Seine Kräfte lassen nach, die Brecher sind zu stark. Allah beschütze meine Familie, waren seine letzten Gedanken.

© Sabine Adameit

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Begehren

Der erste Blick
das Strahlen in deinen Augen
Erste Berührung
geht durch und durch
Körper vibriert
heiße und kalte Schauer
wie elektrifiziert.
Diese Stimme, dieses Timbre,
deine Worte, warm, weich
durchdringend durch die harte Schale,
die ich mir im Laufe des Lebens
zugelegt habe.
Kleinste Berührungen
ganz wie früher
als Teenager
lassen erzittern
schlagen ein wie Blitze
vergleichbar mit Sommergewittern
im April, Hagel, Schauer,
Sonne, Schnee
alles vereint in
unserem Begehren.
©S.Adameit

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Zukunft I

Immer mit Angst besetzt
ein Leben lang
wenn du es lebst
mit allen Risiken
allen Möglichkeiten
Chancen und Fehlentscheidungen
Wenn du es nimmst
wie es kommt
alles mitnimmst
nichts verpassen willst
dem Alltag, der Routine entfliehst
dich nicht lebendig begräbst
mutig mitmachst
genießt, verzichtest
auf Sicherheit und Kontrolle
Garantie und Rente
jeden Tag erlebst
und neu gestaltest
Dann hast du auch Angst
zwangsläufig
vor der Unsicherheit
vor dem Sprung ohne Netz
und doppelten Boden.
Doch das macht es spannend
das ist die Neugier
der Wunsch nach Leben
immer neu, anstrengend
nie vorhersehbar
furchteinflössend, beängstigend,
aufregend, voller Abwechslungen
Abenteuer Leben.
© S. Adameit

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