Autor: Sabine Adameit (Seite 153 von 156)

Die letzte Station

 

Es ist Nacht. Die Stadt schläft. Nur die Lichter am Bahnhof lassen noch Leben erahnen.

Er sitzt in seiner Wohnung, neben sich eine Flasche Whisky. Er leert das letzte Glas. Er trinkt alleine. Er hat keine wirklichen Freunde. Klar, wenn man in der Gruppe ist, macht er mit, lacht und albert mit, aber er fühlt sich alleine. Bea hat mit ihm Schluss gemacht. Hobi ist ja auch viel interessanter. Der hat zu allem den richtigen Spruch drauf. Immer gut drauf und immer der Anführer, wenn es um Blödsinn machen geht. Er beneidet solche Menschen. Wie machen die das bloß? Warum kann er nicht so sein? Gute Sprüche fallen ihm immer erst viel später ein, wenn er alleine auf seiner Bude ist. Dass Bea überhaupt mit ihm zusammen war, hatte ihn sehr gewundert. An ihm ist doch nichts dran. Er sieht nicht gut aus, er ist nicht lustig und besondere Fähigkeiten hat er auch nicht. Er ist eben ein Langweiler. Ja, er schreibt seine heimlichen Gedanken auf, aber die hat er ihr noch nie preisgegeben. Wer will das schon hören? Traurige Gedanken, hoffnungslose Gedanken.

Er steht auf, leicht torkelnd nimmt er die Jacke vom Haken. Er muss hier raus, die Decke fällt ihm auf den Kopf. Er muss keine Rücksicht nehmen, seine Eltern kriegen sowieso nicht mit, wenn er mitten in der Nacht geht. Reden kann er schon lange nicht mehr mit ihnen. Sie fragen und fragen, wo soll er die ganzen Antworten hernehmen. Warum gibst du dir nicht mehr Mühe? Sie geben ungefragte Ratschläge. Wenn du mal Hausaufgaben machen würdest, hättest du auch bessere Zensuren! Immer dieselbe Leier. Es ist alles nur noch trostlos. Wozu soll er sich denn Mühe geben? Für wen? Für was? Bringt doch eh nichts.

Die Tür fällt ins Schloss. Ein rauher Wind weht, aber es ist nicht wirklich kalt. Ziellos setzt er einen Schritt vor den anderen. Ist doch egal wohin. Hauptsache weg. Am Bahnhofskiosk holt er sich noch eine Wodkaflasche. Mit gesenktem Kopf schwankt er über die Straße, kein Auto weit und breit zu sehen. Die Stadt ist menschenleer. Spärliche Lichter im Park, er setzt sich auf eine Bank. Nur das laute Pfeifen der Züge ist zu hören. Das monotone Rattern auf den Gleisen. Langsam erhebt er sich. Mechanisch zieht es ihn zu den Geräuschen. Er nimmt noch einen großen Schluck. Das Pfeifen kommt näher. Er fühlt den rauhen Wind nicht mehr. Er fühlt gar nichts mehr.

Die Bremsen quietschen laut, die Räder sprühen Funken. Keine Chance – der Bremsweg ist zu lang. Der Lokführer sieht von weitem etwas auf den Schienen. Im Zeitlupentempo kommt es näher. Verzweifelt versucht er den Zug zum Stehen zu bekommen. Nein, es ist kein Tier, es war ein Mensch…

© Sabine Koss

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Bahnhof

In der vergangenen Zeit haben Bahnhöfe mein Leben bestimmt. Durch unseren Antiquitätenhandel waren wir sehr viel unterwegs. Anfangs habe ich meinen Mann zu Händlern, Messen und Museen gefahren, in den ersten Jahren fast immer. Später nahm er immer öfter die Bahn. Ich war immer auf Abruf. „Holst du mich mal vom Bahnhof in Heidelberg ab“? Ich glaube, es gibt kaum einen Bahnhof, den ich nicht kenne. Allerdings ist das schon über zehn Jahre her. Sicher hat sich viel verändert. Je moderner die Bahnhöfe, desto ähnlicher sahen sie sich, genau wie die Einkaufspassagen in vielen Städten. Schade, dass so wenig Rücksicht auf das ganz eigene Flair der Stadt genommen wird. Wahrscheinlich hatte da ein Architekt in der ganzen Bundesrepublik zugeschlagen.

Bahnhof ist für mich immer der Inbegriff einer Mischung von Hektik und endlosem Warten. Entweder stand ich gerade im Stau und versuchte verzweifelt noch den Zug zu erreichen, oder der Zug hatte Verspätung und ich musste mich in dieser kalten anonymen Atmosphäre aufhalten, die ich so gar nicht mag. Dann nutzte ich die Zeit, die Menschen zu beobachten.

Eine aufregende Mixtur von verkniffenen Gesichtern, dauernd auf die Uhr guckend, jenen, die genervt auf die Zeittafeln schauten. Andere, die sich einfach nur gelangweilt und ziellos die Zeit vertrieben. Menschen, die den Bahnhof als Treffpunkt mit Gleichgesinnten als Wärmestation nutzten, Drogis, die einen Euro für ihren Stoff sammelten und jeden Reisenden anbaggerten. Nicht zu vergessen, der Sicherheitsdienst und Polizei, die versuchten, genau diese vom Bahnhof fernzuhalten. Ausnahmezustand bei Fußballveranstaltungen, Reisende werden vor den betrunkenen Massen geschützt, so gut es geht.

Eine eigene Welt für sich, so ein Bahnhof. Auf kleinem Raum ein Sammelsurium von Menschen verschiedenster Couleur. Jeder mit seinem eigenem Ziel, seinem eigenen Weg. Jeder auf seiner eigenen Schiene. Sie führt ihn ins Unbekannte, ins Vertraute oder zu sich zurück.

Bahnhof – der Inbegriff des Abschieds und der Wiedersehensfreude, verschiedenster Emotionen. Ein Ort, an dem Freude und Leid so nah nebeneinander hergehen. Armut und Reichtum intensiv miteinander konfrontiert. Der Bahnhof war und ist für mich eine Konzentration des Lebenskarussells.

© Sabine Koss

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Der Traumwald

Ach, herrlich! So lange bin ich nicht mehr spazieren gegangen. Auf der Fahrt sah ich einen so wunderschönen Wald, ich konnte einfach nicht daran vorbeifahren. Irgendwo strahlte die Sonne mitten in den Wald, diese Stelle wollte ich finden. Ich parkte mein Auto am Waldrand und stieg aus. Schade, dass meine Hündin nicht mehr lebt. Wie hätte sie sich gefreut, hier herumtoben zu können. Es ist das erste Mal, dass ich ohne sie spazieren gehe. Bisher hatte ich immer Angst, alleine spazieren zu gehen. Aber die Sonne schien so herrlich, der Wald duftete verführerisch. Ich liebe diese Mischung aus Moos, Rinde und Pilzen. Die ersten Schritte waren so ungewohnt. Diese Stille. Nur das Rauschen der Bäume, hier ein Knacken, dort ein Knistern. Das Laub unter meinen Füßen. Immer mehr vertiefte ich mich in meine Gedanken. Alte Erinnerungen kamen hoch. Traurige Erinnerungen. Das letzte Jahr war kein Schönes. Hektik, Trauer, Tod und Ängste begleiteten es. Meine Nerven sind nicht mehr die besten. Eine gute Idee, dass ich mich jetzt hier mal endlich entspanne. Ich versuche ganz abzuschalten. Alles vergessen. Nur noch der Natur lauschen. Ich lebe hier – jetzt! Ich nehme den Wind wahr, atme tief durch und lasse alle meine Sorgen raus. Mit jedem Schritt werde ich ruhiger. Mit jedem Schritt entspannter. Ein schönes Gefühl. Mit jedem Schritt tanke ich neue Energie auf. Und nun gibt es auch keine Gedanken mehr. Es gibt nur noch den Wald und mich. Ich verliere jedes Gefühl für die Zeit. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen, so werde ich die spezielle Stelle, die ich gesucht habe nicht mehr finden können. Egal. Ich blicke mich um, wo bin ich eigentlich? Ich war so in Gedanken, dass ich überhaupt nicht gemerkt habe, welchen Weg ich eingeschlagen habe. Mein Orientierungssinn ist sowieso nicht der beste. Ich wähle intuitiv die nächste Abzweigung und versuche tief in mich hineinzuhören. Nichts! Keine innere Stimme, kein Bauchgefühl, das mich jetzt leitet. Ich bin allein – ganz allein. Plötzlich höre ich ein Geräusch. Ein heruntergefallener Ast? Ein Tier? Alles, was mich vor kurzem im Sonnenlicht noch so begeisterte und entspannte, wurde bedrohlich. Irgendjemand ist doch hier… Ich gehe ein Stück weiter, wieder so ein undefinierbares Geräusch. Ich bleibe stehen – absolute Stille. Wieder ein paar Schritte, wieder Geräusche – ich bleibe stehen – kein Laut. Da ist jemand. Ich bin ganz sicher. Erinnerungen an meinen Überfall kommen hoch. Es ging alles so schnell, dass ich gar nicht weiß, wie mir geschah. Er stand plötzlich vor mir, brüllte mich an und schlug hart zu. Mitten in das Gesicht. Wie ein Stein fiel ich hintenüber. Mir wurde schwarz vor Augen. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Aber ich konnte alles hören. Stimmen über mir. Ich konnte überhaupt nicht reagieren, hatte auch kein Gefühl. Kein Schmerz, keine Angst. Dann das Nichts. Das Nichts? Nein, das erlebst du nicht. Du kannst es erst erfassen, wenn du wieder erwachst. Wenn du wieder bei Bewusstsein bist. Im Nachhinein eben. Langsam komme ich wieder zu mir. Weiße kahle Wände, am Ende des Bettes stehen meine Eltern und ein Polizist. Angst? Nein, die kam erst viel später…

© Sabine Koss

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