Kategorie: Stories (Seite 3 von 3)

Bahnhof

In der vergangenen Zeit haben Bahnhöfe mein Leben bestimmt. Durch unseren Antiquitätenhandel waren wir sehr viel unterwegs. Anfangs habe ich meinen Mann zu Händlern, Messen und Museen gefahren, in den ersten Jahren fast immer. Später nahm er immer öfter die Bahn. Ich war immer auf Abruf. „Holst du mich mal vom Bahnhof in Heidelberg ab“? Ich glaube, es gibt kaum einen Bahnhof, den ich nicht kenne. Allerdings ist das schon über zehn Jahre her. Sicher hat sich viel verändert. Je moderner die Bahnhöfe, desto ähnlicher sahen sie sich, genau wie die Einkaufspassagen in vielen Städten. Schade, dass so wenig Rücksicht auf das ganz eigene Flair der Stadt genommen wird. Wahrscheinlich hatte da ein Architekt in der ganzen Bundesrepublik zugeschlagen.

Bahnhof ist für mich immer der Inbegriff einer Mischung von Hektik und endlosem Warten. Entweder stand ich gerade im Stau und versuchte verzweifelt noch den Zug zu erreichen, oder der Zug hatte Verspätung und ich musste mich in dieser kalten anonymen Atmosphäre aufhalten, die ich so gar nicht mag. Dann nutzte ich die Zeit, die Menschen zu beobachten.

Eine aufregende Mixtur von verkniffenen Gesichtern, dauernd auf die Uhr guckend, jenen, die genervt auf die Zeittafeln schauten. Andere, die sich einfach nur gelangweilt und ziellos die Zeit vertrieben. Menschen, die den Bahnhof als Treffpunkt mit Gleichgesinnten als Wärmestation nutzten, Drogis, die einen Euro für ihren Stoff sammelten und jeden Reisenden anbaggerten. Nicht zu vergessen, der Sicherheitsdienst und Polizei, die versuchten, genau diese vom Bahnhof fernzuhalten. Ausnahmezustand bei Fußballveranstaltungen, Reisende werden vor den betrunkenen Massen geschützt, so gut es geht.

Eine eigene Welt für sich, so ein Bahnhof. Auf kleinem Raum ein Sammelsurium von Menschen verschiedenster Couleur. Jeder mit seinem eigenem Ziel, seinem eigenen Weg. Jeder auf seiner eigenen Schiene. Sie führt ihn ins Unbekannte, ins Vertraute oder zu sich zurück.

Bahnhof – der Inbegriff des Abschieds und der Wiedersehensfreude, verschiedenster Emotionen. Ein Ort, an dem Freude und Leid so nah nebeneinander hergehen. Armut und Reichtum intensiv miteinander konfrontiert. Der Bahnhof war und ist für mich eine Konzentration des Lebenskarussells.

© Sabine Koss

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Der Traumwald

Ach, herrlich! So lange bin ich nicht mehr spazieren gegangen. Auf der Fahrt sah ich einen so wunderschönen Wald, ich konnte einfach nicht daran vorbeifahren. Irgendwo strahlte die Sonne mitten in den Wald, diese Stelle wollte ich finden. Ich parkte mein Auto am Waldrand und stieg aus. Schade, dass meine Hündin nicht mehr lebt. Wie hätte sie sich gefreut, hier herumtoben zu können. Es ist das erste Mal, dass ich ohne sie spazieren gehe. Bisher hatte ich immer Angst, alleine spazieren zu gehen. Aber die Sonne schien so herrlich, der Wald duftete verführerisch. Ich liebe diese Mischung aus Moos, Rinde und Pilzen. Die ersten Schritte waren so ungewohnt. Diese Stille. Nur das Rauschen der Bäume, hier ein Knacken, dort ein Knistern. Das Laub unter meinen Füßen. Immer mehr vertiefte ich mich in meine Gedanken. Alte Erinnerungen kamen hoch. Traurige Erinnerungen. Das letzte Jahr war kein Schönes. Hektik, Trauer, Tod und Ängste begleiteten es. Meine Nerven sind nicht mehr die besten. Eine gute Idee, dass ich mich jetzt hier mal endlich entspanne. Ich versuche ganz abzuschalten. Alles vergessen. Nur noch der Natur lauschen. Ich lebe hier – jetzt! Ich nehme den Wind wahr, atme tief durch und lasse alle meine Sorgen raus. Mit jedem Schritt werde ich ruhiger. Mit jedem Schritt entspannter. Ein schönes Gefühl. Mit jedem Schritt tanke ich neue Energie auf. Und nun gibt es auch keine Gedanken mehr. Es gibt nur noch den Wald und mich. Ich verliere jedes Gefühl für die Zeit. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen, so werde ich die spezielle Stelle, die ich gesucht habe nicht mehr finden können. Egal. Ich blicke mich um, wo bin ich eigentlich? Ich war so in Gedanken, dass ich überhaupt nicht gemerkt habe, welchen Weg ich eingeschlagen habe. Mein Orientierungssinn ist sowieso nicht der beste. Ich wähle intuitiv die nächste Abzweigung und versuche tief in mich hineinzuhören. Nichts! Keine innere Stimme, kein Bauchgefühl, das mich jetzt leitet. Ich bin allein – ganz allein. Plötzlich höre ich ein Geräusch. Ein heruntergefallener Ast? Ein Tier? Alles, was mich vor kurzem im Sonnenlicht noch so begeisterte und entspannte, wurde bedrohlich. Irgendjemand ist doch hier… Ich gehe ein Stück weiter, wieder so ein undefinierbares Geräusch. Ich bleibe stehen – absolute Stille. Wieder ein paar Schritte, wieder Geräusche – ich bleibe stehen – kein Laut. Da ist jemand. Ich bin ganz sicher. Erinnerungen an meinen Überfall kommen hoch. Es ging alles so schnell, dass ich gar nicht weiß, wie mir geschah. Er stand plötzlich vor mir, brüllte mich an und schlug hart zu. Mitten in das Gesicht. Wie ein Stein fiel ich hintenüber. Mir wurde schwarz vor Augen. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Aber ich konnte alles hören. Stimmen über mir. Mein Hund jaulte und rannte verzweifelt um mich herum. Ich konnte überhaupt nicht reagieren, hatte auch kein Gefühl. Kein Schmerz, keine Angst. Dann das Nichts. Das Nichts? Nein, das erlebst du nicht. Du kannst es erst erfassen, wenn du wieder erwachst. Wenn du wieder bei Bewusstsein bist. Im Nachhinein eben. Langsam komme ich wieder zu mir. Weiße kahle Wände, am Ende des Bettes stehen meine Eltern und ein Polizist. Angst? Nein, die kam erst viel später…

© Sabine Koss

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Die zwei Gesichter

 

Sind das die liebenden Hände, die sie kennt? Wie kann so etwas möglich sein. In der letzten Nacht waren sie zärtlich. Tasteten sich an den Schultern den Rücken entlang zu den Stellen, die ihr soviel Lust zu geben vermochten. Sanfte Worte flüsterte er dabei. Ein wunderschönes warmes Gefühl der Geborgenheit durchfloss sie. „Ich liebe dich“, hauchte er.

Kalt sind seine Augen und hart. Der Schlag hat gesessen. Durch die Wucht wird sie gegen die Heizungsrippe geschleudert. „Du bist der letzte Dreck! Dich sollte man an den Haaren hinter einem Auto herziehen.“
Zitternd kauerte sie an der warmen Heizung. Ihr fehlen die Worte.
Blut rinnt am Ohr herunter. Von der folgenden Ohrfeige reißt ihre Lippe auf. Die nächste traf das Auge.

Der Vortrag, den er auf der Vernissage hielt, wurde stürmisch beklatscht. Seine intelligente und differenzierte Herangehensweise an die Technik des Malers und seiner Vita begeisterte das Publikum.
„So ein sensibler Mann, Sie können sich glücklich schätzen“. ‚Wenn ihr wüsstest‘, dachte sie bei sich. Laut sagte sie: „Ja, er hat sich sehr lange auf diese Ausstellung vorbereitet. Ich habe ihn Tage nicht gesehen, weil er sich in den Bibliotheken vergraben hatte“. Am Morgen noch waren sie gemeinsam Make-Up kaufen gegangen, um die blauen Flecke im Gesicht zu kaschieren. Sie war mittlerweile eine perfekte Maskenbildnerin geworden. Es war so gut wie nichts mehr zu sehen von der letzten Nacht. Zärtlich sah er sie an und prostete ihr mit einem Glas Champagner zu. Die sehnsüchtigen Blicke der Damen wandten sich enttäuscht ab. Sie hätten gerne mit ihr getauscht. Sie kannten nur ein Gesicht von ihm. Das andere kannte nur sie.

© Sabine Adameit

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Er ist da

Der kalte Wind pfiff ihr um die Ohren. Einsam war der Strand. Bei der Kälte traut sich kaum jemand aus dem Haus. Sie liebt diese Stille. Nur das sanfte Schwappen der Wellen, das Zerren des Windes an ihrem Körper, dem sie nachgibt. Gedankenverloren lässt sie die vergangenen Erlebnisse passieren. Immer wieder schießen unangenehme Situationen hervor. Es ist so schwierig, zu vergessen, obwohl sie sie doch ganz gut gemeistert hat. Aber sie kosten sehr viel Kraft. Der Lebensakku wird ganz schön beansprucht, spürt sie. Ihre Stiefel spielen mit dem tiefen Sand. Sie liebt es, ganz nah an den Wellen spazierenzugehen. Ab und zu umspülen vorwitzige Wogen ihr Schuhwerk.
Auf Sylt war es, im Herbst. Kalt war es und die Brandung sehr stark. Übermütig und sorglos, wie sie früher war, sprang sie über die Wellen. Bis der Sog zu stark wurde und ihr die Beine wegzog. Sie lachte und rappelte sich langsam wieder hoch. Klitschnass und kalt war sie nun, aber es war ein wunderschönes Gefühl. Sie freute sich auf die warme Wohnung. Den Ofen, an dem sie ihre Kleidung trocknete. Sie sah aus dem Fenster und genoss den Blick auf das weite Meer. Hier war sie zuhause, hier war Heimat.
Heute ist sie nur zu Besuch am Meer. Wehmut und Traurigkeit übermannen sie. Sie starrt in die Wellen. Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück. Genau so kommt ihr auch ihr Leben vor. Mutig vorgeprescht, enttäuscht und entmutig, hat sie sich wieder zurückgezogen. Ein ewiger Kreislauf?
In der Ferne sieht sie eine Gestalt auf sich zukommen. Sie wendet sich ab. Sie möchte alleine sein. Alleine mit den Naturgewalten. Menschliche Nähe hat sie zu sehr enttäuscht. Wie unbedarft geht sie doch immer auf Menschen zu. Ohne Vorbehalte, ohne Vorurteile. Sie ist stolz darauf. Aber immer wieder wird sie eines Besseren belehrt. Und schon wieder geht sie zwei Schritte zurück. Es tut zu weh. Immer wenn sie zu viel Nähe zulässt, wird sie verletzt, ausgenutzt, betrogen. Das wird ihr nicht wieder passieren. Schließlich sind Fehler dazu da, um aus ihnen zu lernen. Mühsam hat sie sich die Mauer aufgebaut, wie ein Pril im Meer, der vom Watt getrennt, unerreichbar scheint. Hier fühlt sie sich sicher. Hier ist sie geschützt.
Die Gestalt nähert sich. Sie erkennt ihn. Seine Haare, zerzaust vom Wind. Der Kragen hochgeschlagen, ein dicker Schal um Hals und Kopf, so dass nur noch die Augen zu sehen sind. Seine klaren Augen. Dieser liebevolle Blick. Sie reißt sich aus ihren trüben Gedanken und geht ihm langsam entgegen. Wider besseren Wissens hat sie alle guten Vorsätze in den Wind geschrieben. Ließ alle Mauern fallen. Zeigte sich, wie sie wirklich ist. Mit ihren Fehlern, Unzulänglichkeiten und Schwächen. Nur ein Schritt trennt sie nun. Schweigend ergreift er ihre Hand. Zärtlich, verstehend, streichelt er sanft ihre Wange. Sie ist kalt. Zärtlich schmiegt sie sich an ihn.
Alles vergessen, alles verziehen. Nun ist alles gut. Nie wieder wird sich dieser Schmerz wiederholen, denn nun ist er da.

©Sabine Koss

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